Rechtsanwalt Friedrich Grimm berichtet aus dieser Zeit.
„Es lässt sich nicht bestreiten, dass die deutsche Justiz ihre erste Krise dieser Art in der Weimarer Republik zu bestehen hatte – schon damals wurde in der ‚Deutschen Juristenzeitung‘, deren Mitherausgeber Grimm seit 1923 war, der bekannte Mahnruf des Präsidenten Baumbach erhoben: ,Die Justiz ist zur Dirne der Politik geworden.‘ Und es gab zum ersten Male die sog. ‚Prozesse mit politischem Hintergrund‘… Die deutsche Öffentlichkeit erfasste bald, dass diese Prozesse nur Schauprozesse waren, dass politische Kräfte dahinter standen und politische Ziele verfolgt wurden…Immerhin erschien es Grimm doch übertrieben, dass in den Auslandsprozessen, besonders vor den Gemischten Schiedsgerichten, das jüdische Element sogar in der deutschen Staatsvertretung überwog; vor diesem Gerichtshof war er fast der Einzige nichtjüdische deutsche Rechtsvertreter.“
Bekannte jüdische Juristen wie Dr. Rosenberg und Dr. Apfel sahen das herannahende Problem klar vor Augen und äusserten sich besorgt. Dr. Rosenberg, der damals als „militanter Pazifist“ bekannt war, sagte zu Grimm: „Wir sind heterogen, anders als Ihr. Die Meinung, dass wir assimiliert werden können, war ein Irrtum, wir werden uns wieder trennen müssen.“ (Friedrich Grimm. Mit Offenem Visier. Aus Den Lebenserinnerungen Eines Deutschen Rechtsanwalts.)
In dem Kapitel: Die Dunkle Geschichte des Rheinischen Separatismus wird berichtet über den ersten vergeblichen Versuch Poincarés, die rheinischen Gebiete vom Reich abzutrennen. Die Handlanger auf deutscher Seite gingen also nur als Separatisten, statt als staatsgründende Parlamentarier in die Geschichte ein.
Da die Forderung des militanten Flügels unter General Foch und Pointcaré nicht in vollem Umfang in dem Versailler Vertrag berücksichtigt wurde, entschloss sich Foch zu selbstständigem Handeln. Seine zwei Handlanger, General Mangin und General Gerard veranlassten die deutschen Verräter, Dorten, Haas, Mathes und andere, die Ausrufung der „Rheinischen Republik“ und der „Pfälzischen Republik zu organisieren. Durch die energische Intervention des amerikanischen Präsidenten Wilson wurde dem Spuk am 3.Juni 1919 ein Ende bereitet.
Grimm berichtet weiter: „Man muss zwei Ereignisberichte des rheinischen Separatismus unterscheiden: diesen misslückten französischen Generalputsch vom Mai/Juni 1919 und die späteren ernsteren Vorgänge des Jahres 1923…Die französische Besatzungspolitik im Rheinland gründete sich von Anfang an auf die Überlegung, dass es in Deutschland immer noch einen gewissen Hang zum Partikularismus gäbe. Man rechnete damit, diese Neigung im Rheinland, in der Pfalz, in Bayern und Hannover bis zu einer Abtrennung dieser Gebiete vom Reich steigern zu können, um so das ‚Testament Richelieus‘, das Prinzip des Westfälischen Friedens, noch einmal zu verwirklichen.“
Wir erinnern uns an den sogenannten Westfälischen Frieden vom Oktober 1648 (nach dem 30 Jährigen Krieg,) der an Perfidität dem sogenannten Versailles Frieden zumindest ebenbürtig war. Nach Grimms Ansicht beurteilte die französische Elite katholische Kreise im Rheinland, in Bayern und anderen Teilen des Reiches, als schwächsten Teile der deutschen Abwehr und konzentrierten ihre Einflussnahme auf diese Gruppen. Der Oberbürgermeister der belgisch besetzten Zone, Konrad Adenauer gehörte anfangs zu dieser Gruppe, besann sich aber später eines Besseren.
Friedrich Grimm weiter: „In den ersten Novembertagen 1923 begannen dann die separatistischen Aktionen, die sich nun nicht mehr in Demonstrationen erschöpften, sondern auf die Übernahme der vollziehenden Gewalt in den bedeutendsten Städten und Landkreisen des rheinischen Gebietes abzielten. Als erster schlug Dr. Deckers, ein Parteigänger des belgischen Separatisten-Komitees, das seinen Sitz in Brüssel hatte, in Aachen los. Kurz darauf folgten die französischen Parteigänger in Wiesbaden, Koblenz usw. Innerhalb weniger Tage vermochten sich die Separatisten mit Unterstützung der fremden Truppen in den Besitz der Rathäuser und sonstiger öffentlicher Gebäuden zu setzen…Doch war – trotz der Trostlosigkeit der Lage – die Stimmung im November 1923 anders als 1918/19. Alle hatten diesmal begriffen, worum es ging. Niemand ausser einer Handvoll von Verrätern und Interessenten, die von allen verachtet wurden, wünschte die Rheinische Republik…Bei den Bauern im Siebengebirge lebte noch die Erinnerung an den ‚Freiwilligen Landsturm des Siebengebirges‘, der schon einmal im Jahre 1813 von den heimatlichen Bergen ausgezogen war, um die rheinische Heimat zu befreien.