Nun wollen wir uns mal schadlos halten, der Krieg muss sich ja rentiert haben. Frankreich ‚bekam‘ Land und Stadt von Metz, Toul und Verdun, ferner Breisach am Rhein und sämtliche Habsburgischen Besitzungen, praktisch das ganze Elsass, und die ‚Schutzherrschaft‘ über die 10 Reichsstädte. Schweden ‚bekam‘ ganz Vorpommern mit den Inseln Rϋgen, Usedom und Wollin, die Stadt Wismar und das gesamte Herzogtum Bremen-Verden mit Ausnahme der Stadt Bremen. Das besiegte Bayern ‚bekam‘ die Oberpfalz und die Kurwürde. Die Schweiz und Holland wurden offiziell vom Reich geschieden und zu selbstständigen Staaten erklärt. Alle deutschen ‚Reichsstände‘ wurden zu Kleinstaaten mit voller Staatshoheit gemacht… Jedes dieser zahllosen kleinen Ländchen war jetzt selbstherrlich, es konnte tun und lassen was es wollte, auch Krieg fϋhren auf eigene Faust und mit dem Ausland Bϋndnisse schliessen.
Das war der sogenannte ‚Westfälische Friede‘. Es war die Todesurkunde des deutschen Reiches.“
Zwanzig Jahre später. Eroberungskriege. 1667 – 1697.
„Ludwig der Vierzehnte, nach dem die meisten alten Stühle und Tische benannt sind, war König von Frankreich geworden. Er war eine sehr sonnige Natur, weshalb er auch der ‚Sonnenkönig‘ genannt wird. Zwanzig Jahre nach dem Westfälischen Frieden unternahm er drei Raubzüge, die er, was immer sehr günstig ist, völlig überraschend vom Zaun brach. Auch war der Zeitpunkt günstig gewählt, denn das Deutsche Reich wurde gerade im Osten von riesigen Tϋrkenscharen angegriffen, die vom ‚Sonnenkönig‘ zu diesem Unternehmen freundlich ermuntert worden waren. Während Prinz Eugen vor den Tϋrken rettete, schnitt sich Ludwig der Vierzehnte im Westen ein paar schöne Stϋcke vom Reich ab, zum Beispiel sechshundert Städte, Dörfer und Burgen im Elsässisch-Lothringischen, Freiburg, Strassburg und ein riesiges Gebiet südlich des Elsass bis zum Genfer See. Der zwanzigjährige Waffenstillstand, den er mit Deutschland geschlossen hatte, hinderte ihn nicht, vollkommen unmotiviert in die Pfalz einzufallen und sie barbarisch zu verwüsten. Die Ruinen des Heidelberger Schlosses legen heute noch Zeugnis davon ab.
Ich weiss nicht, wie diese Geschichte in französischen Schulen gelehrt wird. Aber ich weiss, was darϋber der alte Minister Richelieu eigenhändig geschrieben hat: ‚um ein Einfallstor nach Deutschland zu schaffen‘.
Siebenjähriger Krieg. 1756 – 1763.
„Es ist sehr aufschlussreich, sich die anzusehen, die ihm die Hand reichten: Bayern, Sachsen, Frankreich. Auf der Stelle verbündete sich daraufhin England mit Wien. Friedrich der Zweite (der Grosse) gewann den 1. Und 2. Schlesischen Krieg. Aber Maria Theresia war entschlossen, dieses Ergebnis zu korrigieren. Nach zehnjährigem, eifrigem diplomatischen Ränkespiel, in dem sie die Eitelkeit und den Einfluss sämtlicher ‚Unterröcke‘ mobilisierte, war sie soweit. Wieder standen sich zwei Lager gegenüber, und wieder wollen wir nicht versäumen, sie uns abermals genau anzusehen. Im Lager Österreichs: Bayern, Sachsen, Frankreich und Russland. Im Lager Preussens: England.
Sie wundern sich, dass jetzt alles völlig umgekehrt war?… Sie werden es sogleich verstehen. Was auch Ihr und mein Ur-Ur-Ur-Grossvater nicht erkannte, überblickte Friedrich der Grosse sofort: dass es gar nicht um Preussen, Habsburg oder Schlesien ging; es ging um etwas viel Gigantischeres, um die Verteilung der neuentdeckten Kontinente. In 6000 bis 20 000 Kilometer Entfernung, in Nordamerika und Indien bereitete sich ein Weltkrieg vor, der erste Weltkrieg der modernen Geschichte. Es ging um Besitz, der hundertmal so reich war wie Europa, um Land das tausendmal so gross war wie Schlesien, es ging um ein ganz grosses Spiel. Weder Wien noch Potsdam waren in diesem Spiel.
Es war eine Sache, die nur die Stärksten unter sich ausmachen konnten, und die Stärksten waren Frankreich und England. Sie hassten sich in diesem Moment tödlich. Dass England der Endspieler um die Weltherrschaft war, war fϋr Paris die grosse Überraschung.
Die Engländer hatten es von langer, sehr langer Hand kϋhl bis in die Knochen vorbereitet. Unter dem Deckmantel des ‚europäischen Gleichgewichts‘ hatten sie sich bald auf diese, bald auf jene Seite geschlagen und systematisch den ewigen Krieg auf dem europäischen Festland aufrechterhalten…Es war die nackte Gier nach den unermesslichen Juwelen und dem Gold, das man in den Staatsschätzen der indischen Maharadschas gesehen hatte, und nach dem Pelzhandel Nordamerikas,- es war die nackte Gier, die die Engländer auf den alten römischen Gedanken eines ‚Kolonialreiches‘ brachte – ein lange vergessener Begriff… Coopers ‚Lederstrumpf‘ spielte in dieser Zeit. Erinnern sie sich? Ein reizendes Buch. Ein nettes harmloses Buch. Und so edel. So richtig, um in die Hände der Jugend gelegt zu werden…England begann die Aufgabe zu ϋbernehmen, die übrige Welt ϋber die laufenden Ereignisse publizistisch aufzuklären“.
In diesem Zusammenhang ist ein Gedicht aus dem Jahr 1872 von Conrad Ferdinand Meyer erwähnenswert. Es spricht die erbärmliche Veranlagung unter manchen Deutschen an, sich als leichtgläubige Überläufer und Nestbeschmutzer zu betätigen: ‚Zum Teufel eine deutsche Libertät, Die prahlerisch in Feindeslager steht‘. Diese erhabene Tradition wird heute von amtierenden und alt-Bundespräsidenten, würdig fortgesetzt. Napoleon hat später diese Neigung deutlich formuliert und gnadenlos ausgenutzt. – Weiter mit Joachim Fernau.
„Ja, sie lesen richtig! Berlin fiel. Damals schon spazierten Russen ‚Unter den Linden‘. Das war im Oktober 1760. Ein Jahr später sehen wir Friedrich immer noch kämpfend…Was Friedrich aufrecht erhielt, weiss der Himmel.
In dieser Situation sagte sich England von Friedrich los und stellte die Zahlungen ein. In Indien war die Entscheidungsschlacht bei Plassey gefallen und Indien der britischen Krone unterstellt. Und in Nordamerika ist Quebeck, die letzte Stadt, in der Hand der Briten. Preussen ist uninteressant geworden! Der Weltkrieg da draussen war entschieden. Am Weihnachtsabend 1761 sass Friedrich der Grosse mit dem Rest seiner Getreuen in verschneiten Zelten eines notdϋrftig befestigten Lagers, irgendwo in Schlesien. Dort erwartete er das neue Jahr. Und warscheinlich das Ende.
In diesem Augenblick griff das Schicksal unerklärlich ein. Innerhalb von Stunden wurde aus Friedrich der Sieger des Siebenjährigen Krieges!…Am 17 Januar 1762 starb Elisabeth von Russland. Der neue Zar war ein glühender Bewunderer Friedrichs. Wie alle damals insgeheim.
Die russischen Soldaten machten eine Kehrtwendung von 180 Grad. Sie waren plötzlich Preussens Verbündete. Alles weitere brauch ich Ihnen bei dem Format Friedrichs des Grossen wohl nicht mehr zu erklären.“
Filzpantoffelkrieg. Nach der französischen Revolution. 1792 – 1795.
„Eines Morgens, im April 1792, platzte die Nachricht herein, dass Frankreich Österreich den Krieg erklärt habe.
Das Ziel war nicht etwa die Abwehr eines Angriffs, sondern etwas ganz primitiv Chauvinistisches… Kein König hätte sich chauvinistischer zeigen können als diese angeblichen Freiheitsanbeter. Am 31 Januar sprach es Danton aus: ‚Die Grenzen der Republik sind durch die Natur gesteckt. Wir werden sie ganz erreichen – am Rhein. Dort mϋssen die Grenzsteine unserer Republik stehen, und keine Gewalt wird uns dies zu erreichen hindern!‘ So jetzt kennen wir den Kriegsgrund.
Ja, es war erstaunlich, und das Volk in Frankreich bemerkte es gar nicht, dass diese Weltbeglϋcker und Tyrannenhasser das ganze chauvinistische Programm Ludwig des Vierzehnten geschlossen übernahmen…