In Österreich sah es ebenso finster aus. Auch hier wurde die Annahme der Friedensdiktate sowie die Verantwortung für die Kriegsschuld aufgezwungen. Bedrohliche marxistische Propaganda von den vorher erwähnten Berufsrevolutionären, sorgte für seelische und moralische Depression, nährte den Anschluss Gedanken, welcher von England, Frankreich und Italien mit allen Mitteln unterdrückt wurde. Das Land musste gewaltige Abtrennung von Grenzgebieten akzeptieren, Arbeitslosigkeit grassierte, und es drohte der finanzielle Zusammenbruch.

Durch die unverschämt hohen Reparationsforderungen, musste Deutschland in Verzug kommen. So war es wahrscheinlich auch vorgesehen. Der anerkannte Rechtsanwalt, Professor, Friedrich Grimm hat das klar erkannt.
„Der Ruhrkampf: Recht gegen Macht.“
„Als freilich im Jahre 1917 nach dem Eintritt Nordamerikas in den Krieg die Alliierten die Oberhand gewonnen hatten, traten in Frankreich diejenigen Kräfte hervor, die da meinten, die Zeit sei gekommen, die historische Politik Frankreichs wieder aufzunehmen – die Politik eines Richelieu, eines Marazin, eines Ludwigs XIV., Napoleons I, und III., die traditionelle Politik, deren Ziel ihr moderner Wortführer Maurice Barres unverblümt mit seiner berühmten Formel vertrat: ‚Wir haben das deutsche Chaos nötig.‘
Schon der sogenannte Friede von Versailles stand unter diesem Aspekt, vollends wurde aber dieser ‚Krieg nach dem Kriege‘ zu einer französisch-deutschen Auseinandersetzung. Da gab es bereits in den Monaten des Waffenstillstandes 1918-19 die ersten französischen Bemühungen um die Abtrennung des Saargebietes und des
Rheinlandes, schliesslich aber folgte als Höhepunkt das ϋber diese klassischen Bemühungen um die Rheingrenze hinausgreifende Verlangen mächtiger französischer Industriekreise, das Ruhrgebiet mit seiner unermesslichen wirtschaftlichen Bedeutung unter französische Kontrolle zu bringen.
Raymond Poincaré, französischer Staatspräsident der Vorkriegs und Kriegszeit, war im Januar 1922 als Ministerpräsiden wieder in den Mittelpunkt der Politik Frankreichs getreten. Im Hinblick auf die Rolle, die er vor 1914 gespielt hatte, war er von denen, die ihn ‚Poincaré -la-guerre‘ genannt worden, jetzt hatte er den Ehrgeiz,– Poincaré -la-Ruhr‘ zu werden. Schon wenige Tage nach seinem Regierungsantritt am 19. Januar 1922 entwickelte er sein Programm: Die zielbewusste, nicht unkluge Politik eines George Clemenceau, der unter Benutzung des Versailler Vertrages die Rheingrenze auf lange Sicht durchsetzen wollte, wurde zurückgedrängt durch einen hektischen Wirtschaftsimperialismus und die Ergreifung von sog. ‚produktiven Pfändern‘. Man hoffte, auf diesem Wege schneller voranzukommen und grössere Ziele zu erreichen.
Als sich herausstellte, dass England nicht bereit war, Frankreich auf diesem Wege zu folgen, verkündete er Frankreichs alleinigen Anspruch auf ‚produktive Pfänder‘ und ins Ruhrgebiet einzumarschieren.“
Warum England nicht mitmachte, ist klar. Galt es doch zu verhindern, dass Frankreich zu stark wurde. Die deutsche Antwort auf diese Drohung, bestand darin, endlos lange Güterzüge in Richtung Frankreich rollen zu lassen. Unmengen Koks, Holz und was die deutsche Wirtschaft so hergab, wurde als Reparation an die Grenze gekarrt. Es half alles nichts, ein schikanöser Vorwand wurde erfunden, und schon ging es los. Grimm berichtet weiter.
„Dieser Vorwand genügte dem französischen Ministerpräsidenten. Am 10. Januar 1923 liess Poincaré der Reichsregierung eine Note überreichen, in der er die am 11. Januar beginnende Besetzung des ganzen Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen ankündigte. Diese Truppen wurden von einer sog. Ingenieurskommission begleitet, die die Kontrolle und Ausbeutung des Ruhrkohlebeckens auf Rechnung Frankreichs auf Reparationskonto zu übernehmen hatte.“ ( Friedrich Grimm. Mit offenem Visier.)
Das brutale Vorgehen der Truppen, 13 Tote bei den Krupp Werken in Essen, die Hinrichtung des Widerstandskämpfers Albert Schlageter als ‚Exempel‘, kombiniert mit passivem Widerstand, drängte die Besatzer nach und nach in die moralische Isolierung. Der zweifache Versuch, 1919 und 1923, separatistische Bewegungen im Rheinland und in der Pfalz, organisiert von Foch und Poincaré, in Gang zu kriegen, scheiterten kläglich. Ein eingeweihter in deutschen Reihen, Konrad Adenauer, sympathisierte anfangs mit den Separatisten, trat 1919 dem Komitee Pro Palästina bei, um das Zionistische Kolonialprojekt in Palästina zu fördern. Erst die Londoner Konferenz vom August 1924 führte zur Räumung des Ruhrgebietes und zur Freilassung der Widerständler.
„Die traditionelle Politik Frankreichs“, von der hier die Rede ist, bezieht sich natürlich auf die Gewohnheit der Fϋhrungseliten in Frankreich, ob monarchistisch oder republikanisch, in unregelmässigen Abständen in Deutschland einzufallen und sich schadlos zu halten. Hatten sie doch die Zerstϋckelungspolitik, die sie seit Jahrhunderten eifrig in Deutschland schürten, so lieb gewonnen. „Das ist nicht wahr,“ wird mancher nun sagen. Um das zu erkennen, müssen wir noch einmal eine kurze Reise in die Vergangenheit in Angriff nehmen. Joachim Fernau hatte die Gabe, uns unverfälschte Geschichte gradlinig und humorvoll zu vermitteln. Er beherrschte die Kunst besser als viele, die sich heute Historiker nennen.
Nach dem dreissigjährigen Krieg. 1618 – 1648.
„Wer hatte gesiegt? Ja wer? Gesiegt musste ja irgend jemand haben, das war klar, aber wer? Der katholische König von Frankreich hatte, zusammen mit dem protestantischen König von Schweden gegen den Kaiser und Papst gekämpft – und gewonnen… Am 24. Oktober 1648 versammelten sich die Alliierten in Mϋnster und Osnabrϋck und gaben die Antwort: Gesiegt hatten weder deutsche Protestanten noch deutsche Katholiken, sondern Frankreich. Bestraft werden musste weder Spanien noch Italien noch die römische Kirche, sondern Deutschland. Deutschland war schuld. Punktum!
Damals war man noch nicht so verschämt, von ‚Reparationen‘ zu sprechen, damals sagte man ganz handfest: